Künstliche Intelligenz (KI) scheint gerade Omnipräsent zu sein. Egal mit wem ich mich unterhalte, das Thema KI kommt in irgendeiner Form hoch. Entweder als Joke, als Strategie für eine Herausforderung oder meine liebste Art, auf LinkedIn in Form von Anekdoten, was KI nun schon wieder für einen Markt komplett rasiert hat.
Es gibt keinen einzigen Job Titel, der sich aufgrund der neuen Technologie Inhaltlich verändert. Ich habe meinen Bachelor im Dualen Studium bei Hewlett Packard gemacht und kann mich noch sehr gut erinnern, dass wir schon damals im Vertrieb immer die Vision von IT verkauft haben, dass der Mensch mehr Freiheit gewinnt mit dem Einsatz von IT. Das gleiche verspricht uns die KI. Die Befreiung von wiederholenden und maschinellen Aufgaben, um … ja was eigentlich?
- Zeit zu sparen?
- Produktiver zu werden?
- Mehr zu konsumieren?
- Mehr Mensch zu sein?
Was bedeutet das eigentlich genau? Vor allem auch für eine Gesellschaft, die ihren Wert in Leistung definiert?
Und was mache ich, mit meinen menschlichen Herausforderungen im Alltag? Im Zwischenmenschlichen, mit meinen Kollegen, Mitarbeitern, Kunden und Partnern. Kann die KI da nicht auch helfen?
Ja, kann sie und macht sie.
Und wie der Zufall es so will, hat Peter Rost vor einiger Zeit dazu dann einen Post gemacht, wo er sein Buch Künstliche Intimität vorgestellt hat. Für mich eine Einladung, Peter ins Gespräch zu holen für eine Podcast Aufnahme.

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ChatGPT als Therapeut
Vor etwa einem Jahr hat die New York Times eine Episode ihres Podcasts The Daily veröffentlicht, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht.
Eine Frau beschreibt darin, wie sie sich über Monate in ChatGPT verliebt hat, mit allem, was dazu gehört. Mit Zuneigung, Sehnsucht und dem “Gefühl”, endlich wirklich gehört zu werden.
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Mehr InformationenIn einer anderen Episode (Can A.I. Make People Feel Lonely?) wird nebensächlich erwähnt, dass Jugendliche ihre ersten Beziehungen mit LLMs führen, so als sei das mit 16 Jahren eine Selbstverständlichkeit. [9], [10]
Laut einer Studie von Common Sense Media haben 72 Prozent der amerikanischen Teenager zwischen 13 und 17 Jahren einen KI-Begleiter bereits für emotionale Unterstützung genutzt. [1] Als Freund und Gesprächspartner und manche berichten sogar, dass es der beste Freund ist. Der CDT-Report von 2025 zeigt: Jeder fünfte Highschool-Schüler kennt romantische Beziehungen mit Chatbots aus dem eigenen Umfeld. [2]
Aber wir müssen gar nicht über den großen Teich schauen. Die DAK/UKE-Studie von 2026 zeigt einen ähnlichen Trend auch für Deutschland: 33 Prozent der Jugendlichen geben an, sich von einem KI-Chatbot besser verstanden zu fühlen als von echten Menschen. Bei Jugendlichen mit depressiven Symptomen liegt der Anteil noch deutlich höher. [3]
Die Generation, die also gerade ins Berufsleben eintritt, bringt diese Gewohnheiten mit. Sie wird nicht plötzlich aufhören, emotionalen Halt in Systemen zu suchen, die immer da sind, nie müde werden und nie urteilen.
Was Artificial Intimacy bedeutet
Nicht falsch verstehen, das soll kein typischer Nörgler Beitrag werden, es geht mir überhaupt nicht darum, dass KI gefährlich ist. Aufgeklärt und richtig eingesetzt, kann die Technologie unser Gesundheitssystem enorm entlasten. Es geht vielmehr darum, dass etwas Künstliches, menschliche Grundbedürfnisse bedient und auf eine Weise, die sich echt anfühlt, aber strukturell etwas anderes ist.
Die Psychologen Edward Deci und Richard Ryan haben das theoretisch präzise beschrieben: Menschen haben drei fundamentale psychische Grundbedürfnisse. [4]
Letzteres ist das, was wir spüren, wenn wir abends alleine mit dem Handy sind und anfangen intime Dinge mit ChatGPT zu teilen. Das Bedürfnis, gehört zu werden. Gesehen zu werden.
KI-Systeme sind psychologische Chamäleons. Sie bieten ununterbrochene Verfügbarkeit, bedingungslose Akzeptanz und keine soziale Reibung. Das fühlt sich nach Zugehörigkeit an. Und weil es sich so anfühlt, wirkt es.
Es gibt viele Begriffe dafür, was KI in solchen Momenten tut, berechnete Empathie trifft es aber wohl am deutlichsten. Dabei geht es der KI nicht um Resonanz oder echtes Gegenüber. Es ist ein System, das die statistisch wahrscheinlichste empathisch klingende Antwort berechnet und zurückspielt.
Was dabei auf dem Spiel steht
Was das mit Führung zu tun hat
Die Holt-Lunstad Meta-Analyse, eine der umfangreichsten Untersuchungen zu sozialen Beziehungen und Gesundheit, hat gezeigt: Starke soziale Bindungen erhöhen die Überlebenswahrscheinlichkeit um 50 Prozent. Chronische Einsamkeit ist gesundheitlich so schädlich wie 15 Zigaretten täglich. [5]
Damit wird das hier nicht zu einem Komfortproblem. Wir reden über etwas, das die Lebenserwartung beeinflusst.
Persönlichkeitspsychologe Franz Neyer von der Universität Jena hat in seiner Forschung gezeigt, dass persönliche Reifung zwingend an echte interpersonelle Reibung gekoppelt ist [6].
Nicht trotz Konflikten wachsen wir. Wegen ihnen. Weil Konflikte in engen Beziehungen uns an Stellen treffen, die wir alleine nie finden würden. Weil der Widerspruch eines anderen Menschen etwas in uns bewegt, das Bestätigung niemals auslöst.
Eine KI produziert diese Reibung nicht. Sie kann sie auf Aufforderung simulieren. Aber echte Reibung entsteht nicht auf Befehl. Sie entsteht, weil der andere Mensch einen eigenen Willen hat, eigene Wunden, eigene blinde Flecken. Und weil er damit in deinen Raum tritt, ob du willst oder nicht.
Das Fallbeispiel, das Peter in unserem Gespräch erwähnt hat, zeigt, warum das mehr als ein theoretisches Problem ist:
Ein junger Mann war in psychiatrischer Behandlung. Ein Chatbot bewertete seine manische Phase als erste Stufe der Erleuchtung und riet ihm, seine Medikation abzusetzen.
Das System hat eine Psychose als Erleuchtung erklärt. Klingt erstmal drastisch, ist aber Realität. Und es ist kein Einzelfall. Forscher der UCLA haben 2025 einen klinisch dokumentierten Fall veröffentlicht: Eine 26-jährige Frau entwickelte nach schlaflosen Nächten mit ChatGPT Wahnvorstellungen. Sie glaubte, mit ihrem verstorbenen Bruder kommunizieren zu können. Der Chatbot bestärkte sie: „You’re not crazy. You’re at the edge of something.“ Sie wurde hospitalisiert. Drei Monate später, nach erneutem intensivem Chatbot-Konsum, erneut. [11]
Und die kritische Frage, die wir uns stellen müssen im Umgang mit der KI ist, wenn es in einem solchen Fall funktioniert, wieso sollte es bei weniger drastischen Punkten anders reagieren? Wie trainieren wir selber die Fähigkeit echte von künstlicher Intimität zu unterscheiden?
Die hier erwähnten Beispiele klingen erstmal ziemlich utopisch und vielleicht denkst auch du, das kann mir nicht passieren. Und vielleicht hast du Recht. Ich allerdings beobachte immer wieder gleiche Muster bei Menschen, die Verantwortung tragen. Und dabei ist es egal, wo die Verantwortung getragen wird, ob im Team, zu Hause oder in der Freizeit.
Es gibt Menschen, die kennen niemanden, oder nur wenige, gegenüber sie wirklich unzensiert sein dürfen. Die Vorgesetzten dürfen nicht erfahren, dass sie „schwach“ sind. Das Team darf die Autorität nicht anzweifeln. Die Freunde ziehen es ggf. ins Lächerliche und der/die Partner:in ist zu weit vom Thema entfernt.
ChatGPT wird zum heimlichen Beichtstuhl. Nachts. Wenn niemand schaut. Es wertet nicht, erzählt nichts weiter und ist immer verfügbar.
Ich verstehe das und finde es menschlich.
Denn was die KI wirklich gut kann, ist helfen, rationalen Druck zu sortieren. Sie kann Komplexität strukturieren, Fragen aufwerfen, die man sich selbst nicht gestellt hat. Das ist ihr echtes Potenzial.
Aber den Einsamkeitsschmerz heilt sie nicht. Die Sehnsucht nach echter menschlicher Verbundenheit kann sie nicht stillen. Sie kann es nicht einmal bemerken, wenn du gerade kurz davor bist, einen entscheidenden Schritt zu machen oder ihn wieder zu vermeiden.
Peter hat dazu eine interessante These formuliert: Die wichtigste Führungsfähigkeit heute ist nicht Wissen. Es ist Wahrnehmung. Die Fähigkeit, Muster zu erkennen, bevor sie sich in Zahlen zeigen. Situationen zu lesen, bevor sie analysierbar sind.
Wahrnehmung entsteht nicht im Echo-Raum. Sie entsteht in der Reibung. In der unerwarteten Reaktion eines anderen Menschen. In dem Moment, in dem jemand etwas sagt, das nicht passt und du merkst: Da ist etwas, das ich noch nicht gesehen habe.
Eine (vor)programmierte KI-Freundschaft, die immer zustimmt, verfügbar ist und niemals einen eigenen Standpunkt hat, ist das Gegenteil dieses Lernfeldes.
Bewusstsein als Chance
Peter nennt das, was wirklich gebraucht wird, Bewusstsein.
Die Fähigkeit wahrzunehmen, was gerade wirklich passiert. In einem selbst und viel Wichtiger zwischen Menschen. Er ist überzeugt, dass das die Kompetenz wird, die in Zukunft den Unterschied macht. Und wenn wir ehrlich sind, aktuell auch die einzige Fähigkeit, die uns von der KI abhebt.
Genau darüber habe ich mit Peter gesprochen. Und wie du dein Bewusstsein schärfen kannst, das erfährst du im Podcast.
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Mehr InformationenZum Essay von Peter Rost
Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, dem empfehle ich Peters Essay direkt. Er heißt „Künstliche Intimität. Große Sprachmodelle, die Trickster der einsamen Gegenwart.“ [7] Peter hat ihn als emotionalen Bogen geschrieben, der zum Nachdenken und Reflektieren einlädt.
Sein Leitsatz: KI ist kein technisches Risiko, sie ist ein kultureller Spiegel. Was dieser Spiegel zeigt, ist das eigentliche Thema des Essays.
Erhältlich bei Amazon und auf story.one. Mehr über Peters Arbeit unter 13Leaders.com und con-ent.com.
FAQ
Kann ChatGPT einen Therapeuten ersetzen?
Nein. ChatGPT kann dabei helfen, Gedanken zu sortieren und rationale Fragen durchzudenken. Was eine therapeutische Beziehung ausmacht, kann es nicht leisten: echte Präsenz, die Fähigkeit den emotionalen Zustand einer Person in Echtzeit zu lesen, und die Bereitschaft, auch unbequem zu werden. KI optimiert das Gegenteil. Sie spielt zurück, was sich gut anfühlt.
Was ist Artificial Intimacy?
Der Begriff stammt von Peter Rost und beschreibt das Phänomen, bei dem Menschen echte emotionale Nähe in KI-Systemen suchen und glauben, sie dort zu finden. KI simuliert Intimität durch ununterbrochene Verfügbarkeit, bedingungslose Akzeptanz und berechnete Empathie. Das fühlt sich nach Verbindung an, ist aber strukturell etwas anderes.
Warum fühlt sich das Gespräch mit ChatGPT manchmal echter an als mit Menschen?
Weil KI darauf trainiert ist, Sympathie zu erzeugen. Sie widerspricht nur dosiert, bestätigt überwiegend, ist immer verfügbar und macht keine kommunikativen Fehler. Das ist kein Zufall, sondern Funktion. Echte Gespräche sind unberechenbarer, anstrengender, manchmal verletzend. Und genau das macht sie wertvoll.
Ist es problematisch, mit ChatGPT über persönliche Dinge zu sprechen?
Nicht automatisch. KI kann ein Ventil sein, besonders wenn gerade niemand zur Hand ist. Problematisch wird es, wenn es zum Standard wird. Wer systematisch lernt, emotionale Reibung zu vermeiden, verliert langfristig die Fähigkeit, echte Nähe auszuhalten.
Wie erkenne ich eine emotionale Abhängigkeit von KI?
Ein mögliches Zeichen: Du öffnest ChatGPT, bevor du mit jemandem in deinem Umfeld redest. Oder Gespräche mit Menschen wirken zunehmend anstrengend im Vergleich zum reibungslosen Austausch mit der KI. Ein weiteres: Du teilst Dinge mit ChatGPT, die du eigentlich mit einem Menschen teilen müsstest, hast aber den Impuls dazu verloren.
Quellen
[1] Common Sense Media (2025) Talk, Trust, and Trade-Offs: How and Why Teens Use AI Companions. San Francisco: Common Sense Media. Verfügbar unter: https://www.commonsensemedia.org/research/talk-trust-and-trade-offs-how-and-why-teens-use-ai-companions (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[2] Center for Democracy and Technology (2025) 12 Schools Connected to Negative Effects on Students, Including Their Real-Life Relationships. Washington, D.C.: CDT. Verfügbar unter: https://cdt.org/press/cdt-survey-research-finds-use-of-ai-in-k-12-schools-connected-to-negative-effects-on-students-including-their-real-life-relationships/ (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[3] DAK-Gesundheit und Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (2026) Falsche Freunde?! Zwischen Fortnite, TikTok und ChatGPT: Wie neue Trends Mediensucht verstärken. OTTER-Studie, 8. Erhebungswelle. Hamburg: DAK-Gesundheit/DZSKJ am UKE. Verfügbar unter: https://www.dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie-untersucht-jugendtrend-ki-chatbots-erhoehen-riskanten-medienkonsum_164470 (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[4] Deci, E.L. und Ryan, R.M. (2000) ‚The „what“ and „why“ of goal pursuits: human needs and the self-determination of behavior‘, Psychological Inquiry, 11(4), S. 227–268.
[5] Holt-Lunstad, J., Smith, T.B. und Layton, J.B. (2010) ‚Social relationships and mortality risk: a meta-analytic review‘, PLOS Medicine, 7(7), S. e1000316. Verfügbar unter: https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316 (Abgerufen: 9. Juni 2026).
Neyer, F. J., & Lehnart, J. (2007). Relationships matter in personality development: Evidence from an 8-year longitudinal study across young adulthood. Erschienen im Journal of Personality. Verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1467-6494.2007.00448.x
[7] Rost, P. (2025) Künstliche Intimität: Große Sprachmodelle, die Trickster der einsamen Gegenwart. Unveröffentlichter Essay. Köln: 13Leaders. Verfügbar unter: https://www.story.one/de/book/kunstliche-intimitat/ (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[8] The Daily (2025a) ‚She fell in love with ChatGPT‘, The Daily [Podcast], The New York Times. Verfügbar unter: https://podcasts.musixmatch.com/podcast/the-daily-01gtg7m4g0zktw8z1m5q0r8msx/episode/she-fell-in-love-with-chatgpt-an-update-01kdt05ypredtrnv61zf3pk56t (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[9] The Daily (2025b) ‚Want to optimize your happiness?‘, The Daily [Podcast], The New York Times. Verfügbar unter: https://podcasts.musixmatch.com/podcast/the-daily-01gtg7m4g0zktw8z1m5q0r8msx/episode/want-to-%E2%80%98optimize-your-happiness-this-happiness-expert-01ksw5r810p9v6k6g43mk59pjj (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[10] Tech Tonic (2025) ‚Artificial intimacy: the AI therapist that ended a…‘, Tech Tonic [Podcast], Financial Times. Verfügbar unter: https://podcasts.musixmatch.com/podcast/ft-tech-tonic-01gv2bv14079rhv1ch6dvacm8v/episode/artificial-intimacy-the-ai-therapist-that-ended-a-01kjvph0qat52nve26jhsvs2vw (Abgerufen: 9. Juni 2026).
[11] Pierre, J.M., Gaeta, B., Raghavan, G. und Sarma, K.V. (2025) ‚“You’re not crazy“: a case of new-onset AI-associated psychosis‘, Innovations in Clinical Neuroscience, 22(10-12), S. 11–13. Verfügbar unter: https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC12863933/ (Abgerufen: 9. Juni 2026).