Deine Selbstreflexion ist ein Bug, kein Feature.

Selbsterkenntnis allein reicht nicht. Was Führungskräfte wirklich blockiert

In meiner Arbeit als Coach begleite ich vor allem Unternehmer und Führungskräfte, die schon aufgrund ihrer Position einen hohen Grad an Intelligenz und Intellekt mitbringen. Ein Unternehmen zu leiten bedeutet häufig ein hohes Maß an Weitblick und auch die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu simplifizieren, um sie in ein gewinnbringendes System zu übersetzen, was am Ende Menschen Arbeit und Wohlstand bringt. Das ist keine einfache Aufgabe und ich habe persönlich hohe Achtung davor.

Die Erfolgsmuster im Außen werden dann häufig einfach adaptiert für die Beziehung zu einem selbst und ein hoher Grad an Selbstreflexion erscheint als Lösung für die eigenen Herausforderungen.

„Wenn ich doch nur herausfinden kann, warum?“ – Kommt dir das bekannt vor?

Vielleicht bist du aber sogar schon weiter und hast eine Idee oder bist sogar fest davon überzeugt zu wissen, woher deine Muster kommen. Vielleicht hast du auch schon jahrelang daran gearbeitet, Coachings gehabt, Therapie gemacht, Bücher gelesen und Podcasts zu den Themen verschlungen. Du kannst erklären, warum du in Stress reagierst, wie du reagierst. Du verstehst den Zusammenhang zwischen deiner Kindheit und deinem Verhalten heute.

Und trotzdem passiert es wieder.

Scheinbar derselbe Konflikt. Dieselbe Reaktion. Dasselbe Gefühl danach: ein leises, genervtes: Ich weiß doch, dass ich das nicht will.

Wenn Selbstreflexion ein Service wäre, würde ich es an dieser Stelle zurückgeben. Und dennoch halten wir daran fest.

Was ist, wenn ich dir einen anderen Weg aufzeige?

Sechs Zeichen, dass du deine Emotionen intellectualisierst

  1. Du kannst deine Reaktionen erklären, aber sie ändern sich nicht. Du weißt, warum du in bestimmten Situationen die Führung übernimmst. Du weißt, warum du Konflikte vermeidest oder eskalierst. Das Wissen sitzt, und das Verhalten leider auch.
  2. Dein Körper kommt in deiner Selbstreflexion nicht vor. Du denkst in Sätzen, nicht in Empfindungen. Was du im Bauch, in der Brust, in den Schultern fühlst, das ist kein Teil deiner Analyse. Oder du merkst es erst, wenn es zu spät ist.
  3. Du gibst anderen gute Ratschläge, kommst bei dir selbst aber nicht weiter. Du siehst die Muster deiner Mitarbeiter klar. Bei dir selbst wechselst du in den Analyst-Modus, bevor überhaupt etwas gefühlt wird.
  4. Coaching oder Therapie fühlt sich produktiv an, aber nichts verschiebt sich wirklich. Die Sessions sind gut. Du gehst mit Klarheit raus. Drei Wochen später bist du wieder am selben Punkt. Was Coaching und Therapie wirklich unterscheidet und wie beides zusammenwirken kann, habe ich in einem eigenen Artikel beschrieben.
  5. Du bist selten wirklich still. Sobald Ruhe hochkommt, dieser Impuls… ein Podcast, ein Buch, ein nächstes Projekt. Stille ist unangenehm und deine Vorbilder sagen, dass Produktivität über allem steht.
  6. Du verstehst deine Muster, und kannst sie trotzdem nicht stoppen. Das ist das deutlichste Zeichen. Verstehen und Verändern sind zwei verschiedene Prozesse. Und du hast bisher fast ausschließlich den ersten trainiert. Wer seine Muster kennt und trotzdem nicht ins Handeln kommt, kennt vielleicht auch das Thema Prokrastination als emotionale Vermeidung.

Was wir meinen, wenn wir sagen „Ich fühle das"

Zwei Zustände einer Führungskraft – analytisch und innerlich präsent – Emotionen benennen vs. erleben

Aus meiner Erfahrung sind Führungskräfte meist sehr gut darin, über Gefühle zu sprechen. Sie können benennen, analysieren, einordnen. „Ich merke, dass mich das triggert.“ „Ich weiß, dass dahinter Angst steckt.“ „Das ist ein altes Muster aus meiner Kindheit.“

Auch wenn das nach emotionaler Arbeit klingt, ist es das leider nicht.

Was hier passiert, ist das Denken über ein Gefühl. Wir haben eine gewisse Distanz zu dem Gefühl, weil wir über das Gefühl reden, aber keinen Kontakt zu ihm haben. Der Unterschied ist entscheidend. Ein Gefühl zu benennen ist nicht dasselbe wie es zu erleben. Zudem kommt hinzu, dass Gefühle Spektren sind. Die Trauer über den Verlust eines Kugelschreibers ist eine andere Form der Trauer als über den Verlust eines Menschen.

Stell dir vor, jemand beschreibt dir präzise, wie Salzwasser schmeckt. Er kennt die chemische Zusammensetzung, die Literatur dazu, die sensorische Erklärung. Und er war noch nie im Meer. Weil, was ist, wenn die Person da nicht mehr raus kommt?

Genau das passiert, wenn Selbstreflexion zur Hauptstrategie wird. Du entwickelst ein immer präziseres Bild von dir aus sicherer Distanz.

Das Problem ist daher nicht die mangelnde Einsicht. Das Problem ist, dass Einsicht nie der Weg zur Veränderung war.

Warum das Nervensystem nicht durch Einsicht heilt

Hier ist die neurobiologische Realität, kurz und ohne Umweg:

Erfahrungen, die sich tief eingeschrieben haben, so wie Stress, Überforderung, frühe Prägungen, werden nicht im präfrontalen Kortex gespeichert. Nicht dort, wo Sprache und Analyse stattfinden. Sie sitzen tiefer: in subkortikalen Strukturen, im Körpergedächtnis, im autonomen Nervensystem.

Offene, entspannte Hand auf Holztisch mit Büchern im Hintergrund – Körperwissen und Nervensystem

Bessel van der Kolk hat das in jahrzehntelanger Forschung dokumentiert [1]: Der Körper erinnert sich an das, was der Kopf längst verstanden hat. Analyse erreicht diese Ebene nicht. Sie ist lediglich eine Art Ablenkung, vor allem bei Menschen, die einen hohen Grad an Identifizierung mit ihren Gedanken haben. Ich habe es ja verstanden, daher ist es jetzt auch gut. Für jeden, der in Kontakt mit Kindern war, ist klar, dass dieser Ansatz nicht funktioniert.

Stephen Porges‘ Polyvagaltheorie macht das noch konkreter [2]. Das autonome Nervensystem reguliert sich nicht durch Erkenntnis. Es reguliert sich durch erlebte Sicherheit, durch echte, körperlich empfundene Erfahrungen, nicht durch Gedanken darüber.

Das bedeutet: Selbst wenn du alles über dich weißt, bleibt dein Nervensystem in denselben Mustern, solange es keine neuen Erfahrungen gemacht hat. Keine Einsicht der Welt ersetzt das.

Peter Levine, der Begründer von Somatic Experiencing, formuliert es so: Heilung passiert nicht durch das Verstehen von Trauma, sondern durch das vorsichtige, schrittweise Erleben von etwas anderem [3].

Verstehen kann sogar hinderlich sein und sollte nicht das Ziel sein. Frühestens nach dem neuen, sicheren Erleben kann eine Einordnung hilfreich sein.

Warum „einfach mehr fühlen" auch keine Antwort ist

Mann steht in einer Türöffnung zwischen zwei Räumen – emotionale Schwelle und Veränderungsbereitschaft

Die Lösung könnte so einfach sein: Fühl einfach mehr, öffne dich, lass es zu. Das klingt einleuchtend und ist trotzdem falsch, zumindest als Ratschlag.

Das eigentliche Problem ist nicht, dass wir zu wenig fühlen. Das Problem ist, dass viele gar nicht wissen, was Fühlen jenseits von Benennen und Einordnen bedeutet. Wenn ich jahrelang meine Gefühle intellectualisiert habe, dann ist es gar nicht so einfach, den Schritt hin zur eigentlichen Wahrnehmung zu machen. Die Wahrnehmung selbst ist nämlich verschoben. Was als emotionale Verarbeitung erlebt wird, ist in Wirklichkeit ein kognitiver Kommentar auf ein Gefühl.

Dazu kommt: Wer jahrelang gelernt hat, Gefühle wegzudenken, dem hilft die Aufforderung „fühl einfach mehr“ ungefähr so viel wie jemandem mit gebrochener Hand zu sagen, er solle einfach fester zugreifen.

Was tatsächlich gebraucht wird, ist etwas anderes. Die Fähigkeit, mit einem Gefühl zu sein. Nicht es aufzulösen, nicht es zu verstehen, nicht es einzusortieren. Einfach: es da sein lassen, im Körper, ohne sofort in den Kopf zu flüchten.

Das ist eine Kompetenz, die uns in die Wiege gelegt wurde und die wir verlernt haben. Die gute Nachricht ist: Durch Wahrnehmung, Übung und Erleben können wir die Fähigkeit zu jedem Zeitpunkt in unserem Leben zurückgewinnen.

Alfried Längle, Begründer der Existenzanalyse, nennt das personale Selbstberührung: die Fähigkeit, sich selbst wirklich zu begegnen, anstatt sich nur zu beobachten [4]. Das klingt abstrakt, ist aber der konkreteste Unterschied zwischen Selbstverwaltung und echter Veränderung.

Was du als Führungskraft wirklich brauchst

Selbstreflexion allein ist nicht das Problem. Übersteuerte Selbstreflexion als Ersatz für emotionalen Kontakt ist das Problem. Und genau das ist es, was ich in meinen Coaching-Sitzungen gerade zu Beginn der Zusammenarbeit immer wieder mit meinen Klienten übe.

Was den Unterschied macht, ist glücklicherweise kein weiteres Tool und kein weiteres Framework. Es reicht, die Bereitschaft zu haben, langsamer zu werden als gewohnt. Körperwahrnehmung zu entwickeln. Und einen Rahmen zu finden, in dem das sicher möglich ist, denn das Nervensystem öffnet sich nur dort, wo es sich nicht bedroht fühlt.

Das ist unbequem für Menschen, die ihren Wert über Geschwindigkeit und Kompetenz definiert haben. Nicht-Wissen aushalten und mit einem unangenehmen Gefühl in Kontakt sein, ohne sofort zu analysieren. Einfach sitzen mit dem, was ist. Einen ersten, konkreten Einstieg in diese Richtung bietet der Artikel über Selbstmitgefühl als Ressource für Führungskräfte.

Führungskraft sitzt entspannt auf dem Boden in einem hellen Raum – Körperwahrnehmung und innere Stille

Zusammenfassung

Wer das lernt, merkt relativ schnell: Die Muster lösen sich nicht durch Verstehen. Sie lösen sich dadurch, dass sie nicht mehr gebraucht werden.

Was das konkret bedeuten kann, hat mir ein Klient nach unserer ersten gemeinsamen Sitzung geschrieben:

Klienten-Feedback nach Coaching-Sitzung bei Andreas Lackmann – erstes tiefes Selbstmitgefühl erlebt

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Selbstreflexion und emotionaler Verarbeitung?

Selbstreflexion ist ein kognitiver Prozess. Du beobachtest dich, analysierst Muster, ziehst Schlüsse. Das ist nützlich, aber es findet im Kopf statt. Emotionale Verarbeitung passiert auf einer anderen Ebene: im Körper, im Nervensystem, durch erlebte Erfahrung. Wer nur reflektiert, bleibt Beobachter seiner selbst. Wer verarbeitet, ist tatsächlich beteiligt. Mehr zu den Grundlagen der Selbsterkenntnis und Emotionen findest du in diesem Artikel.

Ja, und das ist bei Führungskräften besonders häufig. Der Mechanismus ist subtil: Du besprichst ein Gefühl, analysierst es, benennst es präzise. Das fühlt sich nach Arbeit an. Und es ist auch Arbeit, nur nicht die, die Veränderung bringt. Ein Hinweis: Wenn du nach einer Coaching-Session zwar Klarheit hast, aber nichts in dir bewegt worden ist, war es wahrscheinlich Analyse, keine Verarbeitung.

Weil die meisten Formate primär auf Einsicht setzen. Gutes Gespräch, kluge Fragen, neue Perspektiven, das alles hat seinen Wert. Aber wenn das Nervensystem nicht erreicht wird, bleibt die Veränderung oberflächlich. Was fehlt, ist in der Regel nicht mehr Reflexion, sondern ein anderer Zugang: körperorientiert, erfahrungsbasiert, langsamer als gewohnt.

Es bedeutet, ein Gefühl im Körper wahrzunehmen, als Empfindung, nicht als Begriff, und es da sein zu lassen, ohne es sofort aufzulösen oder zu verstehen. Keine Analyse, keine Bewertung, kein „Ich weiß, woher das kommt.“ Nur: es ist da, ich bemerke es, ich lasse es. Das klingt einfach. Für die meisten Führungskräfte ist es eine der schwersten Übungen, die sie kennen werden.

 Es ist häufig. Emotionale Taubheit ist keine Charakterschwäche, sondern eine erlernte Schutzreaktion. Das Nervensystem hat gelernt: Fühlen ist gefährlich oder ineffizient oder beides. Also schaltet es runter. Das passiert schleichend, meist über Jahre. Und es geht, mit dem richtigen Rahmen, auch wieder weg. Timo Heinz hat in seinem Erfahrungsbericht genau dazu gesprochen:

Meistens das Gegenteil. Emotionale Blockaden entstehen nicht bei Menschen, die nicht funktionieren konnten. Sie entstehen bei Menschen, die unter hohem Druck sehr lange sehr gut funktioniert haben. Das Abschalten von Gefühlen war eine Leistung, eine Anpassungsleistung. Das Problem ist nur: Was einmal geholfen hat, wird irgendwann zum Hindernis.

Quellenverzeichnis

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